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Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute". Großmutter klappte das große Lesebuch zu und lehnte sich entspannt zurück. Auch Rotkäppchen und der Jäger waren wieder einmal durchaus zufrieden mit dem Ausgang der Geschichte. Nur der Wolf maulte: "Langsam habe ich aber die Nase voll, immer muss ich den Bösewicht in der Geschichte spielen. Bei den sieben Geißlein und den drei kleinen Schweinchen ist es genauso. Kein Wunder, dass sich alle Menschen vor mir fürchten".
Großmutter kraulte dem Wolf sein weiches Fell und streichelte ihm über den Kopf. "Aber Wolf, wir brauchen doch jemanden, vor dem sich die Kinder fürchten können, sonst sind die Geschichten doch gar nicht so schön gruselig".
Der Wolf war immer noch beleidigt: "Dann soll doch mal das Rotkäppchen der Bösewicht sein oder der Jäger, ich auf alle Fälle habe keine Lust mehr. Ich bin nämlich ein guter Wolf". Ratlos blickten sich Rotkäppchen, die Großmutter und der Jäger an. Das war ja ein großes Unglück, wenn der Wolf auf einmal nicht mehr böse sein wollte. Sie versuchten das schmollende Tier zu überreden: "Ach komm schon Wolf, Du hast so schöne große Zähne und kannst so schön Knurren. Wir haben Dich doch gern. Und es sind doch nur Geschichten".
Aber der Wolf ließ sich nicht überreden. "Nein, nein und noch mal nein, ich will kein böser Wolf mehr sein".
"Tse, tse, tse, was machen wir da nur?", überlegte der Jäger. "Ohne bösen Wolf sind die meisten Märchen doch ziemlich doof. Man stelle sich nur mal vor, Rotkäppchen trifft den Wolf im Wald, sie freunden sich an, pflücken gemeinsam Blumen und bringen die dann zur Großmutter, die krank im Bett liegt. Dann essen sie alle gemeinsam den Kuchen, den Rotkäppchen in ihrem Korb hat und trinken Traubensaft. Stinklangweilig ist das. Außerdem braucht ja dann mich keiner mehr, wenn ich dem Ungetüm nicht den Bauch aufschneide und ihm dann Steine reinfülle".
"Ich bin kein Ungetüm, Du Nasenbär", schimpfte der Wolf.
Gerade wollte der Jäger anfangen mit dem Wolf zu streiten, da klingelte es an der Tür. Großmutter stand auf und öffnete. Herein kamen die drei kleinen Schweinchen. "Hallo zusammen, wie geht's?", fragten sie, wobei ihre Ringelschwänzchen ganz aufgeregt hin und her wackelten.
"Stellt Euch vor", sagte das Rotkäppchen, "der Wolf hat keine Lust mehr böse zu sein".
"Hä?, und wer pustet dann unser Häuschen um, das kann doch keiner besser als Du, Du grimmiger Scherzkeks". Langsam wurde der Wolf richtig wütend und haute mit seiner großen starken Pfote auf den Tisch. "Schluss, Aus, Ende, ich bin kein böser Wolf mehr. Sucht Euch doch ein wildgewordenes Eichhörnchen, das den Bösewicht für Euch spielt Aber ich bin von jetzt an der Gute in den Geschichten".
Beim Gedanken an ein Eichhörnchen, das die drei kleinen Schweinchen oder die sieben Geißlein frisst, musste sogar die Großmutter lachen, obwohl es ihr gar nicht zum Spaßen zu Mute war.
"Und wie stellst Du Dir das vor?", wollte Rotkäppchen von ihm wissen. "Was willst Du denn jetzt dann machen?"
"Och", sagte der Wolf, "ich könnte doch zum Beispiel den Weihnachtsmann ablösen oder vielleicht den Osterhasen. Die bringen den Kindern schon so lange Geschenke und sind sooo beliebt. Ich will jetzt auch mal bei allen Kindern beliebt sein. "Jetzt mach aber 'mal einen Punkt", sagte das Älteste der Schweinchen. "Den Weihnachtsmann oder den Osterhasen ablösen, so ein Quatsch".
"ICH WILL ABER NICHT MEHR BÖSE SEIN”.
"Das wissen wir ja jetzt". Die Großmutter war schon ziemlich genervt. "Dann denken wir uns jetzt eben eine neue Geschichte aus", sagte sie. "Ich habe mir schon eine überlegt", rief der Wolf und fing an zu erzählen:
"Also, das schlampige Rotkäppchen muss die böse Großmutter besuchen, die immer nur rumnörgelt, weil sich das Kind nie die Zähne putzt, sein Zimmer nicht aufräumt und sich immer schmutzig macht. Also geht Rotkäppchen durch den Wald und trifft den guten Wolf, der mit den drei Schweinchen gerade Karten spielt. Als der Wolf Rotkäppchen sieht, begrüßt er es ganz freundlich und drückt es an seine Brust. In diesem Moment, als der Wolf gerade nicht guckt, schummeln die Schweinchen beim Kartenspielen, weil sie nämlich nicht verlieren können.
Rotkäppchen erzählt dem Wolf, dass es keine Lust hat zur Großmutter zu gehen und viel lieber mit ihm Karten spielen würde. "Kommt gar nicht in Frage", tadelt sie der Wolf. "Was man versprochen hat, muss man auch halten". Und weil Rotkäppchen sowieso schon viel zu spät dran ist, will der Wolf, dass sie noch ein paar Blümchen Für ihre Oma pflückt. Als der Wolf später nachschaut, ob Rotkäppchen auch gut angekommen ist oder ob es sich verlaufen hat, sieht er durchs Fenster, wie die beiden ganz fürchterlich streiten. Als dann auch noch der Jäger dazukommt und sich nun alle drei streiten, wird es dem Wolf zuviel. Er stürmt in das Haus der Großmutter und schreit: "Was ist denn hier los"? Wie sich herausstellte, fehlten der Großmutter 50 Mark und sie glaubte, entweder der Jäger oder das Rotkäppchen hätten sie geklaut. Aber der Wolf war schlau und wusste, dass die alte Frau immer alles Geld unter ihre Nachthaube versteckte und das dann vergaß. Er sah also nach und tatsächlich war dort das Geld. Jetzt schämte sich die Großmutter und auch Rotkäppchen und der Jäger und alle versprachen dem guten Wolf, sich nie mehr zu streiten”.
Als der Wolf mit seiner Geschichte fertig war, sahen sich die anderen am Tisch an und schüttelten wie wild den Kopf. Dann redeten alle durcheinander: "So kann man das doch nicht machen...was soll das denn für eine Geschichte sein...das glaubt uns doch kein Mensch ... Unsinn..." So ging das noch einen ganzen Tag lang und auch eine ganze Nacht. Der Wolf wollte unbedingt ein Guter sein und alle anderen ließen ihn nicht. Und schließlich, wie wir alle wissen, konnte sich der Wolf bei seinen Freunden nicht durchsetzen und spielt immer noch den Bösewicht.
Dafür mussten ihm die anderen aber eine riesengroße Portion Eis versprechen. Außerdem haben sie alle zusammen den guten Wolf in den Arm genommen und ihn ganz fest gehalten. Dann hat ihm jeder einen dicken Kuss gegeben und ihm gesagt, wie lieb er ihn hat. Und da hat der Wolf eingesehen, dass es nicht so wichtig ist, dass man von allen Menschen gemocht wird, wenn man nur ein paar ganz, ganz gute Freunde hat.
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