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Der bayerische Wald, wo er am schönsten ist: Dort am Fuße der Berge Rachel und Lusen, da kannte ich einmal eine Hebamme. Die hatte ihr Lebenswerk schon vollbracht. Immerhin bekamen mehr als 5000 Kinder von ihr den ersten Klaps auf den Po. Wer das Glück hatte, neben der guten alten Frau Platz nehmen zu dürfen, der konnte so manche rührende, heitere oder auch traurige Geschichte von ihr hören. Unter anderem auch die, als sie einmal ein echtes Christkind auf die Welt holte:

Es war der 23. Dezember. Eine tief verschneite Winternacht in den ersten Nachkriegsjahren. Die Äste der Bäume ächzten unter der Last der gewaltigen Schneemassen. Im Dorf, in dem der Huber-Bauer wohnte war es dunkel. Keine Menschenseele huschte über die schmalen Wege, die zweimeterhoch von Schneewänden eingesäumt waren.

Nur im Wirtshaus brannte Licht und es waren die kehligen Stimmen der derben und grobschlächtigen Knechte zu hören. Und auf dem Hof des Huber-Bauern brannte Licht. Sein Sohn Toni stand im Stall und hackte fleißig Holz. Eigentlich war er schon der Herr im Haus, sein Vater hatte das “Sach” vor vielen Jahren übergeben und lebte im Austraghaus.

Doch der Toni wollte jetzt eigentlich ganz woanders sein und nicht im Stall. Schließlich war seine Magdalena hochschwanger. Sie saß nun ganz allein in der Stube des Bauernhofes, den sie von ihren Eltern geerbt hatte. Sie hatten kein leichtes Leben, die Magdalena und der Toni. Denn während er den Hof im Dorf bewirtschaftete, lag der von Magdalena auf einer ziemlichen Anhöhe, die nur schwer zu erreichen war. Zumal jetzt, wo alles Grün unter einer dicken Schneedecke lag. Freilich wollte der Toni Weihnachten zusammen mit seiner Liebsten verbringen. Aber weil er ein guter Kerl war, war er am Morgen nur noch einmal schnell zu seinen Eltern gegangen, um nach dem Rechten zu sehen.

Weil es aber den ganzen Tag geschneit hatte, wollte er den beschwerlichen und vielleicht auch nicht ganz ungefährlichen Weg – nachts hinauf zu seiner Frau – nicht wagen und lieber bis zum Morgengrauen warten.

Wie der Toni nun so gedankenverloren das Feuerholz für seine altersschwachen Eltern schnitt, hörte er plötzlich jemanden seinen Namen rufen. Toni trat vor die Tür und sah wie einer der zechenden Knechte aus dem Wirtshaus auf den Hof gerannt kam. “Schnell Toni, bei der Magdalena geht es los”, rief der vom Rennen atemlose Kerl. Der Wirt hatte ihn geschickt. Er besaß nämlich als einiger der wenigen im Dorf, ein Telefon. Ebenso wie Magdalena, die es sich aufgrund der Abgeschiedenheit, in der ihr Hof lag, leistete. Toni schickte den Knecht zur Hebamme und holte Max aus dem Stall. Max war ein mächtiges Pferd, ein Haflinger, der es gewohnt war, harte Arbeit zu verrichten.

Als der Knecht mit der Hebamme zurückkam, hatte Toni schon einen “Hackstock” hinter Max eingespannt. Dieses riesige Holzstück sollte als Schneefräse dienen. Flugs wurde die Hebamme auf das Pferd gesetzt. Toni hielt in der einen Hand die Zügel des Pferdes, in der anderen eine Peitsche. Zuletzt stolperte der Knecht hinter ihnen her. Er trug einen große Metallwanne auf dem Kopf, die die Hebamme brauchte, um Wasser heiß machen zu können.

Mehr als drei Stunden lang quälte sich das sonderbare Quartett den Weg hinauf zu Magdalenas Hof. Licht spendete dabei nur eine spärliche Lampe, die die Hebamme während des ganzen Weges vor sich hertrug. Auch Max hatte wohl den Ernst der Lage erkannt, denn ohne ein einziges Mal zu zögern, bahnte er sich den beschwerlichen Weg durch die Winterlandschaft. Mehr als einmal versank er dabei tief im Schnee und konnte sich nur unter großen Kraftanstrengungen wieder befreien. Die Hebamme verlor auf dem sattellosen Pferderücken den Halt und plumpste in den Schnee. Völlig erschöpft erreichte das Gespann den Hof.

Die Hebamme und der Toni stürmten in die Kammer, in der Magdalena auf ihrem bescheidenen Bett lag. Sogleich machte sich die Geburtshelferin an ihre Arbeit. Sie wischte den Schweiß aus dem schmerzverzerrten Gesicht von Magdalena, prüfte die Lage des Kindes und schickte den Toni um heißes Wasser und saubere Tücher.

Während Toni Holz nachlegte und das Wasser auf dem Herd zum Kochen brachte, betrat der Knecht mit finsterer Miene die Stube. “Das Pferd ist tot”, sagte er kurz. Offensichtlich war Max die Anstrengung des harten Aufstieges zuviel geworden. Kurz nachdem sie den Hof erreicht hatten, war der brave Hengst zusammengebrochen. Toni wollte den Worten keinen Glauben schenken und befahl dem Knecht das Wasser und die Tücher zur Hebamme zu bringen. Er rannte vor die Haustür und sah Max leblos auf dem Boden liegen. Er umfasste den Hals seines treuen Freundes und schwor sich, dass, wenn er einen Sohn bekäme, der Max heißen werde.

Mit schwerem Gemüt ging Toni zurück ins Haus. Für einen Moment überlegte er, sich die Schnapsflasche zu greifen, doch dann fiel ihm seine Frau wieder ein. Er polterte in die Kammer. Der Knecht hielt eine Lampe, die Hebamme redete mit sanften Worten auf Magdalena ein, die sichtlich mit ihren Wehen zu kämpfen hatte. Toni nahm dem Knecht die Lampe ab und schickte ihn hinaus um neues Wasser zu holen. Die ganze Nacht wachten Toni, die Hebamme und der Knecht über Magdalena. Als die ersten Sonnenstrahlen an diesem 24. Dezember hinter dem Horizont auftauchten, war es endlich vollbracht: Draußen erstrahlte die niederbayerische Landschaft im Weiß des Schnees und drinnen hielt Toni seine Maximiliane im Arm.

Während sich Magdalena und die Hebamme für einige Minuten von den Strapazen der Nacht erholten und der Knecht mit einem dampfenden Pott Tee am Tisch saß, ging Toni zum Fenster, küsste die Stirn seiner Tochter und sah glücklich, wenn auch ein wenig wehmütig hinaus. Und gerade als er das Kind zurück an die Brust seiner Mutter bringen wollte, hörte er das Schnauben seines Pferdes. Neugierig trat Max zum Fenster. Gerade so, als wolle auch er den neuen Erdenbürger begrüßen. Und in diesem Moment, da war sich Toni ganz sicher, hat seine kleine Maximiliane zum ersten Mal in ihrem Leben gelächelt.

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